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Schneegestöber und Weihnachtslust

date: 4th December 2010 | 20.24 h

Wer meint, England und Schnee würden nicht zusammen passen, der hat sich zweifelfrei im Wort vergriffen, denn so kommt es, dass es nach anfangs mit Lächeln vernommener Schneewarnung am Dienstag, 30. November 2010, direkt am darauffolgenden Tag doch nennenswert vom Himmel hinab rieselte. Bedeutet im Westlichen für die Briten: Panik schieben und den Verkehr lahmlegen. Um klarzustellen, weswegen wir ausländischen Schüler dieses Verhalten als äußerst kurios und übertrieben bezeichneten, muss ich dazu sagen, dass es sich bei dieser abnormalen „Schneemasse“ um gerade einmal erreichte 5 Zentimeterchen handelte, was letztlich auch zur Folge hatte, dass unsere liebe Barton Court Grammar School ihre Tore, im Gegensatz zu vielen anderen Schulen in Canterbury und Umgebung, für Mittwoch nicht schloss, sondern die ach so armen Schüler in der gepuderten Kälte bibbern ließ. Dennoch war das bisschen Schnee Thema Nummer eins, alle flippten komplett aus, ebenso der Verkehr und die Geschäfte und so kam es, dass ein größeres Kaufhaus in Canterbury einen Zettel an den Eingang hing, der besagte „Aufgrund der Wetterverhältnisse schließen wir heute um 16.00 Uhr“. Auf gut deutsch mag dies wohl bedeuten: Endlich gibt es für uns einen irrsinnigen Grund, früher Feierabend zu machen. Der Schnee als Ausrede für Faulheit? Klingt auf den ersten Blick vielleicht  etwas harsch und böse, kann jedoch mit der überaus makaber organisierten Verkehrsstruktur der Engländer erklärt werden. Werden bei uns 70 Euro (bei den Engländern also etwa 70 Pfund dann) bei einer Kontrolle abgeknüpft, wenn nicht gesetzgemäß Winterreifen aufliegen, befindet sich dieses Wort, ebenso wenig wie vernünftiges Streusalz und die Gehwegsicherheit, schlichtweg nicht im Vokabular der Engländer. Autobahnen werden gesperrt, Bürgersteige und Seitenstraßen werden von einer enormen Eisfläche bedeckt, die zwar zum Schlittschuhlaufen hervorragend wäre, beim normalen Laufen jedoch eher eine Vielzahl an Rutschopfern und Rückenbrüchen bedeuteten. Engländer wären aber nicht Engländer, wenn „Sicherheit nicht vorgehe“ (was natürlich die 3648738 Kameras, die sich überall befinden, erklären würde) – so wurde am Donnerstag um 6.20 am Ortszeit Whitstable, via SMS den Eltern mitgeteilt, dass Schule heute leider leider ausfallen müsse, da weder Busse fahren würden, noch Straßen adäquat präpariert wurden. Hört sich schon nach einer kleinen Weltkatastrophe an, die danach ruft, alle Briten dazu zu bringen schnell zu Tesco zu hechten um eine Jahresration Baked Beans (gebackene Bohnen) und Sausages (Würstchen) in der Konserve zu horten, bevor der Winter ihre ersten Opfer fordert. Situationsbericht: Wir reden nun von 20-30 cm Schnee, was in der Tat und ohne einen gehässigen Unterton, schon nicht wenig ist. Im genauen hießen diese Zahlen jedoch schneefrei für die Schüler und  Arbeit von daheim aus für alle  Arbeitnehmer – nicht schlecht also!

Die Winterkulisse, die dieser Blitzschnee brachte, war jedoch wirklich der Rede wert, Whitstable versank einfach mal so mir nichts dir nichts in einer vorweihnachtlichen weißen Welt, in der leider auch am 2. Dezember noch die aus Deutschland bekannte weihnachtliche Dekoration und Stimmung fehlte. Überhaupt wird Weihnachten hier nicht gerade groß geschrieben, während man sich in Deutschland über die doch viel zu kitschigen Hausbeleuchtungen, die dutzenden Dekorationsartikel und den dauernden Duft nach Tanne, Orangen, Zimt oder Plätzchen fast schon aufregt, irgendwann sei doch auch genug des Guten, könnte man voll all dem hier eine Prise gebrauchen um den Schnee zu dieser Jahreszeit etwas mehr zu genießen. Aber nein, nicht nur, dass die Engländer am 25.Dezember erst Weihnachten feiern (Ihre Begründung: In dieser Nacht kommt halt der Weihnachtsmann. Jesus? Was hat Jesus mit Weihnachten zu tun?), ich musste leider bereits die Erfahrung machen, dass die Quantität der Geschenke und die Qualität des Truthahnsbraten die wichtigeren Aspekte statt des vertrautem Beisammensein, der Spaß am Beschenkens und die gemeinsame Vorfreude eben mit diesen kitschigen Dingen wie Weihnachtsmarkt, Plätzchenbacken, Weihnachtsmusikhören, Tannenbaumschmücken, durch den Schnee laufen und, und, und, für die Briten sind. Jeder Kultur ihre eigenen Traditionen heißt es da und sich selber für sein Zimmer einen schönen 1,75 Pfund teuren Weihnachtsstern von Tesco kaufen; die Winterlandschaft derzeit lädt einfach dazu ein, sich auf Weihnachten zu freuen (eben auch, weil ich dann wieder meine Liebsten in die Arme schließen kann und Deutschland für 2 Wochen wieder ganz nah bin :-)).

Dass die ausgeprägte Weihnachtsfröhlichkeit eine typisch deutsche Angelegenheit ist, wurde uns auch am Freitag bewusst, an dem wir, weshalb auch immer, ohnehin einen schulfreien Tag feiern konnten und diese Gelegenheit nutzten London einen Besuch abzustatten. Die Schneeverhältnisse hatten sich im Morgen leicht verbessert, wobei einen Tag zuvor noch immer alle Busverbindungen abgesagt wurden, eben wegen der allgemeinen Sicherheit versteht sich. Das ungute Gefühl, eventuell doch im Schnee vergeblich auf unseren NationalExpress Richtung London Victoria Station zu warten, verließ Michelle und mich nicht, bis, mit 10 Minuten Verspätung, endlich der Reisebus ankam, in ihm nur etwa 5 weitere Menschen, die sich bei diesen unglaublichen Wetterverhältnissen (Achtung: Hyperbel), wie wir, auf die Straße getraut hatten. Allein die Busfahrt war schon ein Event: kitschige Weihnachtsmusik (man beachte, wie häufig das Wort „kitschig“ im Gebrauch einer weihnachtsverrückten Deutschen fällt, wenn es tatsächlich um Weihnachten geht) im Ohr, Vorfreude auf ein verschneites London in der Adventszeit und eine weißen, wenn auch sichtarme Fahrt durch ganz Kent. Angekommen in London konnte man unsere Reaktion eher Enttäuschung nennen, war die Weltmetropole doch völlig schneelos und grau, der Schnee äußerte sich nur höchstbescheiden in einigen, kleinen Häufchen am Straßenrand. Da negatives Denken weder zu meinen, noch Michelles Stärken zählt, nahmen wir gut gelaunt unsere Beine in die Hand um die Oxford Street ausfindig zu machen und unserem vorweihnachtlichen Shoppingwahn zu frönen (Randbemerkung: Wir waren beide bereits auf dieser Einkaufmeile, eigentlich müsste uns allein unser weiblicher Instinkt zu diesem Ort führen). Was wir leider bei dieser letztendlich zeitaufwendigen Expedition feststellen mussten war erstens, dass die Investition in einen Stadtplan keine schlechte Idee gewesen wäre, zweitens dass London riesengroß ist und drittens, dass man unter keinen Umständen auf Biancas unglaublichen Orientierungssinn vertrauen sollte (Liebe Mama, jetzt weiß ich auch, wieso ich früher so oft verlustig gegangen bin – das lag nicht an mir, ich konnte einfach nicht anders!). Nach 263525 Umwegen und 1 ½ Stunden später, wir hatten in dieser Zeit eher unfreiwillig den Big Ben, Hamleys (einer der größten Spielzeugläden der Welt) und das Sexshop-Viertel gesehen, fanden wir schließlich endlich die Oxford Street! Weihnachtsstimmung? Auch dort eher mäßig aber wie auch immer, wir hatten nach dutzenden Kaffees, einer kältebedingten gesunden rosa Gesichtsfarbe und gefühlten 1000 km Laufweg später genügend Motivation uns ins Getümmel hineinzustürzen und unsere wichtigsten Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Pustekuchen, leider war die Auswahl und das Gedrängel so enorm, dass nicht mehr als ein Schal für Michelles Gastmutter herauskam, was unserer Stimmung keinen Abbruch tat, immerhin waren wir in Englands schönster Stadt (diese Meinung vertrete ich bis heute, auch wenn wenig Britisches an London ist) und man kann sich auch ohne Schnee und Masseneinkäufen gute Laune machen – zum Beispiel im Hyde Park, der zu dieser Jahreszeit  wie ein riesiger leuchtender Weihnachtsmarkt aufgebaut ist, oder eher wie eine Mischung aus kitschiger amerikanischer Weihnachtskirmes, viel zu lauter Musik und deutschem Weihnachtsmarkt, mit einer „bayrischen“ Après Ski Hütte, Glühwein, Sauerkraut, gebrannten Mandeln und deutscher Schlagermusik (letzteres brauche ich in London ehrlich gesagt nicht unbedingt). Wenn das ganze auch wenig englisch war, so haben sich allein die gebrannten Mandeln für einen Besuch in London mehr als gelohnt und einen schönen Tag noch schöner gemacht :-).

Da ich schon eine ganze Weile nicht mehr geschrieben habe, soll dieses kurze Resümee all denen, die sich für meine Zeit hier interessieren, und das hoffe ich doch sehr, immerhin habt ihr bis hier hin fleißig gelesen, einen Überblick verschaffen, wie es mir hier so geht, was passiert und wieso Deutschland doch das schönere Land zum Leben ist.

Vorneweg möchte ich sagen, dass der britische Akzent und die englische Sprache nicht nur großartig klingt, sondern auch verdammt cool ist und ich die beste Gastfamilie habe, die man sich nur vorstellen kann. Ich verbringe hier eine ganz schöne Zeit, gebe zu viel Geld für Starbucks-Kaffee aus und lerne so viel für die Schule wie noch nie in meinem Leben, was hoffentlich meiner Oberstufenzeit positiv zugute kommt (davon gehe ich aus ;-)). Irgendwann im Oktober war auch Halfterm, also so etwas wie einwöchige Herbstferien, in denen ich den lieben Mark, einen Bekannten aus England, in Exeter besucht habe. Insgesamt 14 Stunden Busfahrt (Hin und zurück) haben sich dabei mehr als gelohnt. Exeter ist eine tolle Stadt und leider haben mir diese Tage klar gemacht, dass ich es doch ziemlich bereue, nicht dort auf ein College gegangen zu sein, nicht nur, dass ich nicht von 30 Deutschen umgeben gewesen wäre, auch ist Exeter sowohl von der Größe als auch von der Optik ansehnlicher als Canterbury und Devon würde ich aus dem Bauch heraus Kent vorziehen. Aber um keine Wehmut aufkommen zu lassen, meine Sprache verbessert sich so langsam auch endlich (sowohl Englisch, als auch Französisch (French Higher Level sei dank)), London ist nur 1 ½ Stunden entfernt und liebe Menschen habe ich hier auch schon getroffen. Resultat: Mir geht es hier gut, aber Deutschland ist einfach schöner.

Cheers mates,

Bianca x

 

4.12.10 21:24
 


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